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Freitag, 1. März 2013

Die Sechziger. Die Siebziger. Und ich


Von Zeit zu Zeit ploppt bei Facebook ja immer wieder dieser "wir waren Helden" Thread hoch, in dem die Jugend derjenigen angepriesen wird, die – wie ich – das Glück hatten, in den Sechzigern geboren zu sein und eine offline Kindheit und Jugendzeit erlebt haben (wer jetzt keine Geduld hat und nicht weiß, wovon ich spreche: einfach nach unten scrollen).

Vieles war wirklich schön und ich erinnere mich gern daran. Komischerweise ist ja der Rückwärts-Blick meistens doch eher glorifizierend, aber ich glaube nicht, dass es in meiner Kindheit auch wirklich Negatives gab, was mein Hirn einfach nur verdrängt hat.

Das bin ich - ich schätze mal, 1965 oder so

Wir hatten das Glück, in einer Straße zu wohnen, die eine Sackgasse (bzw. eine Kehre) war und in der sehr viele Kinder gleichen Alters gelebt haben. Die Grundschule war gleich um die Ecke, also hatten wir auch hier Verbindendes. Und da ich nie ein Kind war, das gern mit Puppen gespielt hat, habe ich meine Kindheit eigentlich nur draußen verbracht – bis es dämmerte. Es gab ja schließlich Gummistiefel und regenfeste Kleidung. Und es gab jede Menge zu entdecken. Ganz in der Nähe verlief ein Bächlein, da sind wir oft hingestromert, haben uns kleine Schiffchen gebaut und sind denen nachgelaufen, immer im Wasser entlang, durch Abwasserrohre durch, so dass wir so richtig schön matschig wurden. 

Oder wir haben mit dem Ball gespielt. Es gab da mal so ein Spiel, ich kriege das leider nicht mehr zusammen, aber vielleicht erinnert sich ja jemand von Euch daran, das hatte irgendwas damit zu tun, einen Ball möglichst weit hochzuwerfen, zuvor wurde ein Wort ausgerufen und so viele Silben, wie das ausgerufene Wort hat, durfte man dann große Schritte laufen. Nur woran ich mich nicht mehr erinnere: musste der Ball solange in der Luft bleiben, wie man Silben läuft? Wer kann sich erinnern? Ich weiß nur noch, dass ich dies unheimlich gern gespielt habe. Wir konnten es auch bei uns in der Straße spielen, weil Autos Mangelware waren.

So, aber ich will Euch und mich ja nicht unwissend lassen und habe schnell mal gegoogelt und siehe da, hier ist die Erklärung zu Halli Hallo:

Material: ein Ball
Die Mitspieler stellen sich in einer Reihe auf.
Ein Spieler steht ihnen im Abstand von ca. 2 Metern gegenüber. Er hält einen Ball.
Diesen wirft er nun einem Spieler aus der Reihe zu und ruft dabei den Anfangsbuchstaben eines Begriffs, den die Spieler erraten sollen z.B. “Ein Tier mit L.”
Der Spieler fängt den Ball und wirft ihn wieder zurück. Dabei rät er z.B. “Leopard”.
Hat er den richtigen Begriff geraten, wirft der Rätselsteller den Ball über sich hoch in die Luft und ruft: “Halli-Hallo”.
Dabei läuft er schnell weg.
Der Spieler, der den Begriff gefunden hat, versucht sogleich den Ball zu fangen.
Schafft er dies, ruft er: “Stopp”.
Der Spieler muss nun stehen bleiben und mit seinen Armen einen Ring vor seinem Körper bilden.
Der andere Spieler geht jetzt so viele Schritte, wie die Anzahl der Silben des erratenen Wortes (Le-o-pard = 3 Schritte) vorwärts.
Er versucht nun den Ball durch den “Armring” des Mitspielers zu werfen.
Gelingt dies, darf sich dieser Spieler einen neuen Begriff überlegen und das Spiel startet erneut.
Hat der Spieler das Rätsel nicht gelöst und den Begriff nicht erraten, so können es alle Mitspieler versuchen, wenn sie an der Reihe sind.
Errät es keiner, wird der zweite Buchstabe des Wortes preisgegeben.
Die Spielrunde endet erst, wenn der Begriff gefunden wurde.
Variante: statt Tiernamen können auch Automarken, Blumennamen, Vornamen oder ähnliches als Begriffrätsel gestellt werden.


Oder im Winter … ja, damals gab es noch schneereiche Winter (zumindest in meiner Erinnerung). Ein Bild habe ich noch immer vor Augen: wir haben vor unserem Haus auf dem Rasen mit allen Kindern zusammen mal ein Iglu gebaut. So richtig aus großen Schneewürfeln, mit Dach und allem Pipapo. Sicherlich hat es nicht den Designpreis gewonnen, aber es hielt und bot Platz für ungefähr 4 Kinder. Das war ein richtiges Abenteuer.

Markenkleidung spielte bei uns keine Rolle. Ich glaube, damals gab es überhaupt gar keine Markenklamotten. Wir trugen Selbstgenähtes. Das war zwar nicht immer nach meinem Geschmack, aber Diskussionen darüber gab es nicht. Und zur Einschulung das schöne weiße Kleid mit passenden weißen Kniestrümpfen. Ich war stolz wie Oskar, endlich in die Schule gehen zu dürfen, auch wenn das ein Jahr zuvor für mich hieß, ich solle mir angewöhnen, mit der "richtigen" Hand zu malen.


Einschulung 1970
Fernsehen? Ich meine mich zu erinnern, dass ein Fernsehgerät erst bei uns Einzug gehalten hat, als meine Schwester und ich so ca. 7 Jahre alt waren. Also Ende der Sechziger / Anfang der Siebziger (natürlich ein schwarz-weiß Fernseher). Aber der wurde auch nur abends zur Tagesschau unter Ausschluss der Kinder eingeschaltet. Ganz, ganz selten, und dann musste das Wetter schon extrem übel sein, durften wir Lassie, Flipper, Black Beauty und so'n Zeugs sehen. Das war nie so ganz mein Fall, aber spannend war es, weil es bewegte Bilder aus so einem komischen Kasten gab. Als meine Schwester und ich dann etwas älter waren, haben wir beide dann abends vor der geschlossenen Wohnzimmertür gestanden und versucht, durch das Schlüsselloch einen Blick auf den Fernseher zu erheischern. Weil es da so spannende Dinge wie Edgar Wallace, das Stahlnetz oder den Kommissar oder so gab. Aber meistens war dies vergebens, weil unsere Eltern eh gemerkt haben, dass da vor der Tür jemand luschert. Einen eigenen Fernseher hatten wir nie in unserem Kinderzimmer (meine Schwester und ich haben uns ein Zimmer geteilt). Stattdessen hat irgendwann ein Kassettenrekorder Einzug in unser Zimmer gehalten, aber da war es dann aus mit der Harmonie, weil wir eben gänzlich unterschiedliche Dinge mochten. Obwohl ich einen Kassettenrekorder immer spannend fand. Als ich noch richtig klein war, gab es bei uns zu Hause noch ein Tonbandgerät und ich durfte immer die Spulen einlegen. Ich glaube, damals wurde der Grundstein zu meiner online-Affinität gelegt :-) Auch, wenn ich von der Technik nichts verstand, aber etwas ins Mikro zu sprechen und das dann später wieder abzuhören … spannend!

Ende der Sechziger Jahre haben sich meine Eltern das erste Auto gekauft: eine Lloyd Arabella. Boah, fand ich das toll, wenn wir Sonntags dann zusammen irgendwo hingefahren sind. Kindersitze? Dreipunktgurte? Sowas gab es nicht. Wir saßen ganz ruhig und still hinten auf der Rückbank und wurden kutschiert. Dann kam irgendwann ein Opel Kadett, bei dem mein Vater dann nachträglich hinten Gurte hat einbauen lassen. Sicherheit geht vor!

Und: meine Wochenenden und Ferien habe ich an der Ostsee auf dem Campingplatz in Pelzerhaken verbracht. Auch wieder: immer nur draußen an der frischen Luft. Bei Wind und Wetter und mit ganz vielen Kindern zum spielen. Krankheiten, wie ich damals meine heftigen Windpocken, wurden einfach auf einer Liege vor dem Zelt ausgetragen. Und man war allgemein nicht so empfindlich, was Krankheiten anging. Wenn nebenan ein neuer Zeltnachbar seine Behausung aufgeschlagen hat und von meinen Eltern gewarnt wurde, dass ich (oder meine Schwester) krank seien, dann wurde das mit einem lapidaren "egal, dann sind unsere eben auch damit durch" abgetan. Heutzutage würden potenzielle Nachbarn einen riesigen Bogen um einen herum machen.

Wer der Urheber des ursprünglichen Textes war, und mich damit zu diesem Posting inspiriert hat, kann wohl nicht mehr nachvollzogen werden, so oft, wie das durch's Teilen ohne Quellenangabe verbreitet wurde. Aber der Wortlaut des Postings lautet übrigens wie folgt:




Wenn du nach 1980 geboren wurdest, hat das hier nichts mit dir zu tun!
Aber du kannst es trotzdem lesen!

..........................

Wenn du als Kind in den 60er oder 70er Jahren lebtest, ist es zurückblickend
kaum zu glauben, dass du so lange überleben konntest!

Als Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und ohne Airbags.
Unsere Bettchen waren angemalt mit Farben voller Blei und Cadmium.

Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen,
genauso wie die Flasche mit dem Bleichmittel.

Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere Fingerchen und
auf dem Fahrrad trugen wir nie einen Helm.

Wir tranken Wasser aus Wasserhähnen und nicht aus Flaschen. Wir bauten Wagen
aus Seifenkisten und entdeckten während der ersten Fahrt den Hang hinunter,
dass wir die Bremsen vergessen hatten. Damit kamen wir nach einigen Unfällen klar.

Wir verließen morgens das Haus zum Spielen. Wir blieben den ganzen Tag weg
und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen.

Niemand wusste, wo wir waren und wir hatten nicht mal ein Handy dabei!
Wir haben uns geschnitten, brachen Knochen und Zähne und niemand wurde
deswegen verklagt. Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld außer wir
selbst.

Keiner fragte nach "Aufsichtspflicht". Kannst du dich noch an "Unfälle"
erinnern?

Wir kämpften und schlugen einander manchmal grün und blau. Damit mussten wir
leben, denn es interessierte die Erwachsenen nicht besonders.

Wir aßen Kekse, Brot mit dick Butter, tranken sehr viel und wurden
trotzdem nicht zu dick.

Wir tranken mit unseren Freunden aus einer Flasche und niemand starb an
den Folgen.

Wir hatten nicht: Playstation, Nintendo 64, X-Box, Videospiele, 64
Fernsehkanäle, Filme auf Video, Surround Sound, eigene Fernseher, Computer,
Internet-Chat-Rooms.

Wir hatten Freunde!!!
Wir gingen einfach raus und trafen sie auf der Straße. Oder wir marschierten
einfach zu denen Heim und klingelten. Manchmal brauchten wir gar nicht
klingeln und gingen einfach hinein. Ohne Termin und ohne Wissen unserer
gegenseitigen Eltern. Keiner brachte uns und keiner holte uns...

Wie war das nur möglich?

Wir dachten uns Spiele aus mit Holzstöcken und Tennisbällen. Außerdem
aßen wir Würmer.

Und die Prophezeiungen trafen nicht ein: Die Würmer lebten nicht in
unseren Mägen für immer weiter und mit den Stöcken stachen wir auch
nicht besonders viele Augen aus.

Beim Straßenfußball durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut
war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen.

Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie rasselten durch
Prüfungen und wiederholten Klassen. Das führte damals nicht zu
emotionalen Elternabenden oder gar zur Änderung der Leistungsbewertung.

Unsere Taten hatten manchmal Konsequenzen. Das war klar und keiner
konnte sich verstecken.

Wenn einer von uns gegen das Gesetz verstoßen hat, war klar, dass die
Eltern ihn nicht automatisch aus dem Schlamassel heraushauen. Im
Gegenteil: Sie waren oft der gleichen Meinung wie die Polizei!

So etwas!

Unsere Generation hat eine Fülle von innovativen Problemlösern und
Erfindern mit Risikobereitschaft hervorgebracht.

Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung. Mit alldem
wussten wir umzugehen!

Und DU gehörst auch dazu?!?

Herzlichen Glückwunsch !!!

geb. nach 1980 = So, jetzt wisst ihr Warmduscher das auch ;-)

geb. vor 1980 = WIR WAREN HELDEN!!!!!!!!!!!!!!




Kommentare:

  1. Sehr schön beschrieben. Als ich aufs Mädchengymnasium ging (1966) fing das mit den "Markenklamotten" gerade an. Mädchen trugen damals normalerweise keine Hosen. Dann aber kam die Zeit der Levis und der Clarks. Echte Levis konnten wir (meine Familie) uns nicht leisten. Aber ich war eins der ersten Mädchen, die in der Schule Cordhosen trug,… und dann wollten alle anderen Mädchen meinen „Hintern“ sehen = nämlich das kleine Schildchen an der rückwärtigen Hosentasche.

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    1. oh, ja! Stimmt! Und dann kamen auch die "Veddel"-Hosen und was war ich stolz, als ich die erste echte "Wrangler" tragen durfte. Levis und Clarks durften wir nicht (schnief). Aber es ist schon toll, in Erinnerungen zu graben. Gerade geht es bei mir auf Facebook rund. Ich bin noch mit vielen befreundet, die zu meinen damaligen Spielkameraden zählten und wir tauschen uns da gerade aus und mir sind im Gespräch viele Ideen für eine mögliche Fortsetzung gekommen. Mal sehen ...

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